Menu Content/Inhalt
Home arrow Vorträge arrow Perfektionismus und innere Freiheit
Perfektionismus und innere Freiheit

Perfektionismus ist eine unfreie, neurotische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit, die die Seele erstarren lässt wie die Maus vor der Schlange. Im Perfektionisten baut sich ein innerer Druck der Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Verbitterung auf, unter dem er leidet und den er auch an seine Umgebung weitergibt. Das Bessere ist für ihn der Feind des Guten: nichts ist gut genug, alles könnte besser sein. So entwickelt er sich zum notorischen Pessimisten, Nörgler und Querulanten. Er weist ein Schwarz/Weiß-Denken auf, eine Alles-oder-Nichts Mentalität: entweder perfekt oder gar nicht.

Dem Perfektionismus zugrunde liegt oft ein krankhaftes Leistungsdenken, bei dem nur der zählt, der Tadelloses, Bewundernswertes und sogar Außergewöhnliches vorzuweisen hat. Häufig geht es um eine irrationale Angst vor Ablehnung, eine ängstliche Besorgtheit um den eigenen Ruf. Damit bringt sich der Perfektionist in eine ständige Sisyphos-Situation, die oft im Burnout endet: er läuft einem unerreichbaren Ziel nach, denn niemals kann man allen gefallen. Letztlich ist Perfektionismus Ausdruck einer Oberflächlichkeit und fehlenden Innerlichkeit.

Im Perfektionismus werden die eigenen Defekte ängstlich verdrängt, "weil nicht sein kann, was nicht sein darf". Die fruchtbare Spannung zwischen dem "SOLL" und dem "IST" kann nicht mehr zum persönlichen Wachstum genutzt werden, die Persönlichkeitsentwicklung stagniert und spirituelle Unfruchtbarkeit stellt sich ein. Rigidität, Halsstarrigkeit, Besserwisserei und Intoleranz können die Folge sein.

Im Umgang mit ihrer Umgebung sind Perfektionisten mitunter überkritisch, übergriffig und versuchen, das eigene "Ideal" dem Nächsten überzustülpen. Die eigenen Vorstellungen werden verabsolutiert und ein strenger Maßstab wird angewandt, dem der Perfektionist meist selber nicht entsprechen kann. Der hocherhobene Zeigefinger ist eine durchaus gängige Pose, Regelbefolgung wird im überzogenen Maß eingefordert. Fremdes Abweichen von den eigenen Regeln ruft im Perfektionisten Unwohlsein hervor, das sich in der Interaktion als genervte Belehrung oder aggressive Abwertung des anderen zeigt.

Der Perfektionist lebt im selbstgefälligen Selbstbetrug, dass er - im Gegensatz zu seiner Umgebung - eben hohe Ideale hat. Doch nicht ein hohes Ideal wird angestrebt (das wäre normal), sondern aus seiner Ichhaftigkeit heraus idealisiert er das Selbst in unerreichbarem Ausmaß. Die natürliche Spannung zwischen dem "SOLL" und dem "IST" erlebt er als bedrohlich und kann sie nicht ertragen, weil das "SOLL" zum "MUSS" geworden ist.

Therapeutisch ist die Imperfektionstoleranz der Weg zur inneren Freiheit: die Selbstannahme mit seiner Fehlerhaftigkeit, Durchschnittlichkeit und Gewöhnlichkeit. „Demut gründet darin, dass der Mensch sich so einschätzt, wie es der Wahrheit entspricht“ (Josef Pieper). Innere Freiheit bedeutet das Freisein von Ichsucht, Machtstreben und Habgier, von Kontrollzwang und Anspruch auf Fehlerlosigkeit im eigenen Leben sowie von Launen, Verbitterung und Fremdbeschuldigung.

Nur freie Menschen können sich bewusst für das Gute entscheiden, sich hingeben und an Werten orientieren. Innere Freiheit verleiht deshalb Unbeschwertheit und natürliche Autorität, sie macht flexibel und unabhängig. Innere Freiheit ist auch die Basis für eine gesunde Spiritualität: nur in Freiheit kann man glauben, nur in Freiheit lieben.

15:00 - 16.00

Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli

 
< zurück   weiter >